Bei fallenden Kursen nachkaufen: Die Rechnung — und wann es nur der Dispositionseffekt ist
Du hast zu $100 gekauft. Jetzt steht der Kurs bei $80. Kaufst du dieselbe Aktienzahl noch einmal, sinkt dein durchschnittlicher Einstandskurs auf $90 — plötzlich muss die Aktie nur den halben Weg zurücksteigen, damit du die Gewinnschwelle erreichst. Nachkaufen bei fallenden Kursen fühlt sich wie ein Trick an, der die Regeln aushebelt. Dieses Gefühl verdient eine gründliche Prüfung: Ein Teil davon ist echte Mathematik, ein anderer eine belegte Verhaltensverzerrung, die sich als Strategie ausgibt.
Der rechnerische Teil — alles richtig
Der Einstandskurs ist ein gewichteter Durchschnitt. Jeder Kauf unter deinem bisherigen Durchschnitt zieht ihn deshalb in Richtung des neuen Kaufpreises:
- Gleiche Geldbeträge zu $100 und $80 → Durchschnitt $88.89 (das harmonische Mittel — bei gleichen Geldbeträgen erhält der günstigere Kurs über die Aktienzahl mehr Gewicht, deshalb liegt der Durchschnitt unter der Mitte).
- Gleiche Aktienzahlen zu $100 und $80 → Durchschnitt $90 (die einfache Mitte).
Der Aktien-Durchschnittsrechner berechnet den allgemeinen Fall für beliebige Kauflisten. Seine Zielwertberechnung dreht die Frage um: Wie viele Aktien wären nötig, um einen Durchschnitt von $90 zu erreichen? Die Formel n = S·(a − c) ÷ (p − a) enthält den ernüchternden Teil im Nenner: Je näher der gewünschte Durchschnitt am aktuellen Kurs liegt, desto mehr Aktien sind nötig. Erreicht der Zieldurchschnitt den Kurs, strebt die erforderliche Zahl gegen unendlich. Bei 10 Aktien zu $100 und einem Kurs von $80 erfordert ein Durchschnitt von $90 weitere 10 Aktien — ein Durchschnitt von $81 aber 90 weitere Aktien, das Neunfache deiner ursprünglichen Position.
So sieht Nachkaufen bei fallenden Kursen ehrlich betrachtet aus: Kleine Verbesserungen sind günstig; drastische Verbesserungen erfordern, ein Vielfaches des ursprünglichen Einsatzes auf dieselbe Idee zu setzen, die gerade Verluste bringt.
Was die Rechnung nicht sagt
Keine der obigen Berechnungen enthält Informationen darüber, ob sich der Kurs erholen wird. Ein niedrigerer Durchschnitt verändert, wo die Gewinnschwelle liegt, nicht, ob sie erreicht wird. Derselbe Kauf lässt sich bei identischen Zahlen auf zwei Arten beschreiben:
- „Ich kaufe mehr von einem Unternehmen, das ich verstehe, zu einem besseren Preis als zuvor.“
- „Ich erhöhe meinen Einsatz in meinem größten Verlustbringer, damit die Anzeige schneller wieder grün wird.“
Die erste Aussage ist eine These über den Vermögenswert. Die zweite handelt von deinem Referenzpunkt — und genau dieses referenzpunktbezogene Verhalten dokumentierte Odean (1998) in 10,000 echten Konten: Anleger halten systematisch an Verlierern fest und betrachten entsprechend das „Wiederaufholen“ als Erfolg, obwohl der Markt keine Ahnung hat, was irgendjemand bezahlt hat. Die ganze Geschichte steht in unserem Artikel zum Dispositionseffekt. Wenn das einzige Argument für einen Kauf lautet, dass er deinen Durchschnitt senkt, geht es beim Kauf um den Anker, nicht um den Vermögenswert.
Eine Prüfung mit drei Fragen
Beschreibend, nicht vorschreibend: Drei Fragen, die die beiden Fälle in deiner eigenen Transaktionsliste voneinander trennen:
- Würdest du zum heutigen Kurs kaufen, wenn du noch keine Aktie davon hättest? Der Nachkauf und ein erstmaliger Kauf sind dieselbe Transaktion; nur der Anker unterscheidet sich.
- Was wird aus der Position? Rechne die gesamte Folge im Positionsrechner durch. Konzentration entsteht schleichend: Zwei gleich große Nachkäufe bei fallenden Kursen verdreifachen den ursprünglichen Einsatz in diesem Titel.
- Wo endet es? Eine vorab festgelegte Grenze („zwei Nachkäufe, danach war die These falsch“) unterscheidet einen Plan vom ständigen Weiterdrehen einer Schraube. Die Tabelle zur Verlustaufholung zeigt, warum deren Endpunkt so hart ist: Jeder weitere Rückgang erhöht die erforderliche Erholung nichtlinear.
Nachkaufen bei fallenden Kursen ist Mathematik im Dienst dessen, was es antreibt. Der Rechner kann genau zeigen, was ein Kauf mit deinem Durchschnitt, deinem Einsatz und deiner Gewinnschwelle macht — er kann dir nicht sagen, welche der beiden Beschreibungen oben zutrifft. Diesen Teil musst du selbst beurteilen.